Menschen aus unserem Quartier
Rosmarie Gmür - Von der Pfarrköchin zur Pfarreimanagerin
Magazin Mai 2011 PDF
Der Heimweh-Riethüsler Egidio Mombelli - Kunstmaler in Lugano
Der Besuch in seinem Atelier PDF
Der Link auf seine Bildergalerie im Internet
Er hat das schönste Wartezimmer der Stadt - Porträt des Quartier-Hausarztes Dr. Marcel Augstburger (PDF)
Susi Germann und ihr neues Kinderbuch "Der Nikolaus ist da" (PDF)

Ernst Buob überlebte vor 72 Jahren einen 36-Meter-Sturz von der Ganggelibrogg (PDF)
Maria Hufenus - die bekannteste Stadtführerin wohnt im Riethüsli (PDF)

Schlunggi und Lustante, Josef Osterwalder im St. Galler Tagblatt über die Erinnerungen Erika Mangolds
Abschied von Erika Mangold, ehemalige Redaktorin der Quartierzitig und Ehrenpräsidentin der Nestweiher-Gesellschaft (1927-2009) und: Erika Mangolds Jugendjahre Teil 1 - Geschichten vom Schulweg nach St. Georgen (PDF)
Erika Mangolds Jugendjahre Teil 2 : Geschichten vom Schulweg nach St. Georgen im Winter (PDF)
Egidio Mombelli – Heimweh-Riethüsler im Tessin
Der Artista pittore und seine heimlichen Besuche im Riethüsli
Erich Gmünder
Egidio Mombelli hat die ersten 21 Jahre seines Lebens im Riethüsli verbracht und ist dann in südlichere Gefilde gezogen. Der Kunstmaler in Lugano zählt zu den treusten Lesern unseres Magazins und unserer Homepage. Ein Besuch.
«Egidio Mombelli, Artista pittore, Lugano», steht im Telefonverzeichnis. Kunstmaler also. Sein Atelier finden wir an der Via Industria: ein etwas heruntergewirtschafteter palazzoähnlicher Bau mitten in einem südländisch-üppigen Bio-Garten mit Feigen und Passionsfrüchten. Leger, aber elegant gekleidet, schlaksig und agil, eine Zigarette unter seinem dünnen Oberlippenbart, steht er da und begrüsst uns herzlich. Treffen zweier Ur-Riethüsler: Mit auf die Reise gemacht hat sich Noldi Duttweiler, der mit dem ein paar Jahre älteren «Guido», wie er damals genannt wurde, aufgewachsen ist. Nach fast 60 Jahren sehen sie sich erstmals wieder – die beiden hätten sich wohl kaum erkannt, wenn sie sich zufällig über den Weg gelaufen wären. Egidio führt uns sofort durchs düstere Treppenhaus ins Dachgeschoss, zündet sich wieder eine Zigarette an und zeigt auf die Bilder, hunderte wohl, viele in Öl, aber auch Aquarell- oder Akrylbilder.
Vor allem Landschaften aus dem Tessin und Südeuropa, Stilleben, aber auch uns bestens bekannte Sujets wie die Churfirsten oder der Alpstein. Seine Vorbilder sind Klassiker wie Cézanne, van Gogh, Renoir, Monet und Gauguin, die er kunstvoll kopiert. Und auch an Murales, Wandbilder, hat er sich gewagt – einige von ihm findet man auf Hausfassaden des kleinen Tessiner Dorfes Novaggio (und auf seiner Homepage, wo er als Gilles auftritt). Ein paar Ölbilder, mit Sujets aus seiner alten Heimat wird er uns später mitgeben, als Geschenk ans Quartier.
Lausbubenstreiche und Mutproben
Noldi hat einige alte Ansichten und Karten mitgebracht, wohl um dem Gedächtnis etwas nachzuhelfen. Gemeinsam streifen sie in Gedanken nochmals durchs Quartier: Die Teufener Strasse (im Nr. 150 wuchs Egidio auf) und Im Grund (im Nr. 6 wohnte Noldi) auf und ab – und bei jedem Haus fallen Egidio wieder die Namen der einstigen Bewohner ein: Billot’s mit ihren vier Meitli, die Geschwister Weber (Künstlerinnen), Frau Zwimpfer und Frau Iseli (die hätten immer etwas zu reklamieren gehabt), Gigers, Frischknechts, Hüslers, Bernets, Zieglers, Cecchinatos, Smanios, Wilds (die im «Spitöli»). Frau Baumann mit ihren vielen Hühnern, der Bauer Schafflützel oben auf der Watt, gefürchtet (und oft auch gefoppt) von den Kindern. Und Jugendstreiche und -erinnerungen werden aufgewärmt: die obligate Mutprobe für jeden Riethüsler Buben, der heimliche Sprung von der Riethüsli-Schanze, der oft mit gespaltenen Holzskis oder gar Beinbrüchen endete; Prügeleien; die ersten Sumpftouren mit der katholischen Jungmannschaft St.Otmar; die Jugendlieben; aber auch der weite Schulweg nach St. Georgen, der im Winter oft mit den Skis zurückgelegt wurde; oder die Entbehrungen während der Kriegsjahre.
Entbehrungen und erste Liebe
Überhaupt die Kriegsjahre: Egidio erinnert sich noch genau an den Kriegsausbruch 1939 und die Mobilmachung. Wie er als Kindergärtler auf dem Heimweg durch den Wald ging, der «bumsvoll» mit Soldaten gewesen sei, die ihn und seine Kamerädli mit Militärguetzli beschenkt hätten. Wie der Milchmann aus dem ausserrhodischen Stein manchmal auch ohne Märkli (Rationierungsmarken) ein ‹Mödeli› Butter verkaufte, ebenso wie der Metzger auch manchmal schwarz ein Geschäft machte. Aber auch die Namen von ‹luschen› Nachbarn tauchen wieder auf, wie der Nazi-Konsul im Haus nebenan, der einen Monat vor Kriegsende plötzlich verhaftet und samt Familie über die Grenze gestellt wurde. Oder der deutsche Spion, der jahrelang im gleichen Haus wohnte wie der (ahnungslose) Polizist. Legendär war der Mechaniker Max Ziegler, ein Genie und seiner Zeit weit voraus: In seiner kleinen Werkstatt beim Im Grund 22, die heute noch steht, entwickelte er Elektromobile, zum Beispiel für die Molkerei Mogelsberg.
Egidio kommt ins Schwärmen. Und plaudert auch ein kleines Geheimnis aus, seine heimliche Liebe zur etwas älteren Rosmarie Bernet. Nach Feierabend passte er, der junge Bankstift, ihr auf und richtete es so ein, dass er sie nach Hause begleiten konnte. Sie war etwas älter als er, elegant, hatte rotlackierte Fingernägel und emigrierte schon als junges Mädchen in die USA, womit er sie aus den Augen verlor.
Zurück zu den (Tessiner) Wurzeln
Egidios Vater war Busfahrer, zu einer Zeit, als die städtische Autobus-Linie noch privat geführt wurde (von der Firma Paul Halter in Wil), und wurde später dann als Trolleybus-Fahrer angestellt. Auch zwei Onkel lebten im Riethüsli, der eine Pöstler, der andere Coiffeur. Egidio, 1934 geboren, besuchte nach der Primarschule im Hebelschulhaus die Flade und machte danach eine Banklehre beim Bankverein. Schon als 21jähriger erhielt er eine grosse Chance: er durfte für zwei Jahre nach Genf. Danach arbeitete er wieder ein Jahr in Zürich, lebte aber bei seiner Mutter im Riethüsli.
Ein Schwarzweissfilm über das Tessin, gedreht und begeistert kommentiert von seinem Jugendfreund Leo Gerig (wohnhaft im Vonwil-Quartier), habe bei ihm die Sehnsucht nach dem südlichen Landesteil geweckt, wo seine Familie ihren Ursprung hat. So bewarb er sich auf gut Glück für eine Stelle bei der UBS in Lugano, erhielt sie prompt, und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung (1999) in der Vermögensverwaltung, inklusive einem halben Jahr Aufenthalt in den USA. Nur noch zu gelegentlichen Besuchen bei seiner Mutter kehrte er ins Riethüsli zurück. Seit sie vor 15 Jahren hochbetagt starb, kehrte er nie mehr zurück.
Heimliche Besuche
Mindestens physisch nicht – doch in der letzten Zeit besucht er seine Jugendheimat immer öfter, virtuell, via Internet und Google-Maps. Seit er das Magazin und die Homepage vom Riethüsli beim ‹Googeln› entdeckt hat, meldet er sich oft mit südlichen Impressionen aus dem Tessin oder mit einem spitzen Kommentar. Oder er blättert in den Fotoalben auf unserer Galerie, freut sich über die Geschichten von Ernst Ziegler und Erika Mangold, erinnert sich sogar noch an ihren Vater (‹ein Mann mit massiver Hornbrille und Spazierstock aus Bambus›), und wundert sich über die heutigen Verkehrsprobleme in seiner alten Heimat. Kein Wunder: In der Jugendzeit von Egidio waren die Strassen zum Spielen da, es gab neben den Pferdegespannen nur wenig motorisierten Verkehr: Camionneur Lucchetta und der Weinhändler Koller von der Teufener Strasse mit ihren Lastwagen, oder der Milchmann Küng aus Stein. Der ‚Tockter’ Rohner von St.Georgen war in den Kriegsjahren der einzige Privatmann, der sein Auto nutzen durfte, wohl weil sein DKW einen Holzvergaser hatte.
Egidio hilft uns, die Ölgemälde ins Auto zu verladen, und wünscht sich als Gegenleistung Fotos vom Riethüsli. Sujets, die er in Öl einfangen – und dabei wenigstens in der Phantasie wieder ein bisschen in seine alte Heimat zurückkehren kann.
Quartierarzt Dr. Augstburger:
"Mein Job ist schampar abwechslungsreich"
Erich Gmünder
Unser Quartier hat, was viele Bewohner nicht wissen, einen eigenen Quartierarzt: Seit 23 Jahren betreibt Marcel Augstburger seine Praxis im Riethüsli. Zuerst in der Praxis seines Vorgängers Dr. René Schmid, seit 10 Jahren in einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus an der Hochwachtstrasse 8. Der äussere Schein täuscht: Die Praxis verfügt vermutlich über eines der schönsten Wartezimmer der Stadt.
"Ja, es gibt tatsächlich Leute, die fast etwas enttäuscht sind, wenn sie aufgerufen werden. Oft heisst es dann, wir hätten lieber noch ein wenig das wunderschöne Panorama genossen“, bestätigt die Praxisassistentin Natalie Stutz. Während sie nach Schluss der Sprechstunde mit Aufräumen und Abtippen der Diktate beschäftigt ist, sitze ich mit ihrem Chef an der riesigen Fensterfront mit freiem Blick über die Stadt. Unter uns ruckelt das Appenzeller Bähnli über die Ruckhalde. Es ist notabene erst das zweite Mal seit dem Bezug der Praxis, dass Marcel Augstburger selber mal Zeit und Musse findet, hier zu sitzen und zu gucken. Das letzte Mal war dies vor zehn Jahren, bei der Aufrichtefeier mit den Handwerkern.
Eigentlich wollte Marcel Augstburger Tierarzt werden. Doch irgendwann realisierte er, dass ihm da die Kommunikation fehlen würde. Danach wollte er sich für die Zahnmedizin einschreiben; sein Vater war Zahnarzt in St. Gallen – doch er scheute sich davor, tagein-tagaus in fremde Mäuler zu schauen. Ebenso wenig wollte er Facharzt werden, einer mit mehr Wissen aber eben in einem kleineren Wirkungsfeld und weniger Kontakt mit ganzen Familien. Wieviel abwechslungsreicher ist da der Alltag eines Hausarztes: „Am gleichen Tag sehen wir entzündete Mandeln, messen den Blutdruck, diagnostizieren eine Lungenentzündung oder behandeln eine offene Wunde.“ Einfach „schampar abwechslungsreich“, findet Dr. Augstburger.
Doch er räumt ein: vom wirtschaftlichen Standpunkt aus sei der Entscheid vielleicht doch nicht so klug gewesen. Die Arbeit der Hausärzte sei finanziell immer weniger attraktiv, und sie würden von den Krankenkassen regelrecht geplagt. Als schliesslich den Hausärzten das eigene Labor weggenommen (respektive die Kosten nicht mehr adaequat vergütet) werden sollten, da sei ihm der Kragen geplatzt und er sei erstmals in seinem Leben an eine Demo gegangen, damals, 2006, in Bern. Genützt habe es allerdings nicht viel. Das eigene Labor sei ebenso wie das eigene Röntgengerät zwar finanziell kaum noch selbsttragend, aber sehr patientenfreundlich. Er könne seinen Patienten in der gleichen Konsultation das Ergebnis erklären, während sie sonst Umwege über externe Institute und Mehrfachkonsultationen in Kauf nehmen müssten. Und er ist sicher, dass diese Lösung auch den Krankenkassen Kosten erspart - zurzeit laufe eine Untersuchung, deren Resultate jedoch noch nicht vorlägen. Trotz des Kostendrucks nimmt sich Dr. Augstburger Zeit für seine Patienten. Das Gespräch ist für ihn mindestens so wichtig wie die Diagnosegeräte.
Der Beruf eines Hausarztes sei durch die Politik in den letzten Jahren schleichend abgewertet worden. Trotzdem würde er ihn wieder ergreifen, aber dann vermutlich in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten. Der heutige Hausarzt sei ein Auslaufmodell. Er erinnert sich an seine Jugendzeit in St. Georgen, als die Leute morgens um acht Uhr die Praxis des Dorfarztes Dr. Rohner füllten und oft bis mittags warten mussten, bis sie dran waren. Der Hausarzt als kleiner Dorfkönig. - Den Begriff „Hausarzt“ nimmt er selber aber immer noch sehr wörtlich: Jeden Tag um 10 Uhr geht er auf Hausbesuch, vorwiegend bei betagten Patienten, welche nicht mehr gut zu Fuss sind und in einem Altersheim oder noch in den eigenen vier Wänden wohnen. Froh ist er, dass die nächtlichen Hausbesuche an den städtischen Notfalldienst, in den er auch eingebunden ist, delegiert werden können, um nach den langen Arbeitstagen einen freien Abend zu geniessen.
Unterstützt wird Dr. Augstburger von seiner Frau Susanne, welche nebenan in eigener Praxis als Physiotherapeutin arbeitet und seine Buchhaltung führt, sowie von der medizinischen Praxisassistentin Natalie Stutz. Stets freundlich und gutgelaunt empfängt sie die Patienten, macht das Labor oder richtet ihnen in einfacher Sprache die Anordnungen des Arztes aus. Oder redet einem Patienten ins Gewissen, die Medikamente regelmässig zu nehmen – und ja immer genügend Wasser zu trinken, weil das eine gute und günstige Medizin sei!
Manchmal komme die eine oder andere Patientin auch ohne Termin vorbei, meistens gegen 11 Uhr, einfach so zum „Pläuderle“. Aber nur, wenn sie sicher seien, dass der Tokter auf Hausbesuch ist, erzählt Natalie Stutz frei von der Leber weg. „Die Leute sind ja so herzig. Gerade heute war jemand da, der extra für mich ein Osterei pinkig angemalt hat, weil er weiss, dass ich auf diese Farbe stehe“, erzählt sie lachend.
Was macht ein Hausarzt in der Freizeit? Marcel Augstburger geniesst die freien Abende, freut sich an den Enkelkindern und entspannt sich beim Lesen oder seinem Hobby, dem Fotografieren. Das Fotografieren kommt auch bei seiner anderen Leidenschaft zum Zug, dem Reisen, wie Fotos an den Wänden des Wartezimmers illustrieren. Kaum haben die Ferien begonnen, zieht er mit Frau und Wohnwagen los. Das Reisen sei für ihn ebenfalls ein Mittel, auf Distanz zu gehen. Das sei nötig, um aufzutanken und danach wieder voll da zu sein für seine Patienten. Und die füllen seine Agenda. Dass es ihnen in dem bistroähnlichen Wartezimmer gefällt, und sie deshalb auch einmal eine kurze Wartezeit in Kauf nehmen, nimmt er gerne zur Kenntnis – und hofft gleichzeitig, dass es noch andere Gründe gibt, warum sie ihn aufsuchen.
Quartierarzt mit gesunder Distanz
Bewusst auf Distanz geht Dr. Augstburger auch in der Freizeit, weshalb man ihn auch nie an einem Quartieranlass antreffe, erzählt der Quartierarzt. Manche würden das nicht verstehen. Doch Marcel Augstburger findet, seine Patienten sollten die Gewissheit haben, dass er strikte neutral sei und das, was sie ihm im Sprechzimmer erzählten, nicht hinaus gehe. Und das sei so am besten gewährleistet.
Am Riethüsli findet er die Zweiteilung durch die Teufener Strasse sehr problematisch. Und die Verkehrsimmissionen. Er beobachtet seit Jahren eine schleichende Veränderung der Bevölkerungsstruktur im unteren Bereich des Quartiers, welche wohl auf die Verkehrsproblematik zurückgehe.
© Quartierverein Riethüsli St.Gallen 2008-2011 | Verantwortlich: Erich Gmünder





